Verlustig
Formen der Demenz
LOG-EINTRAG
Milena Findeis
4/11/20263 min read


Das Altern ist ein Prozess, der in das Lebendige eingebunden ist.
ES verstehen und empfinden. Ich nehme online an einem Symposium von Michael Hagedorn teil, das sich mit der Demenz befasst "Demenz ist anders". Er führt Gespräche mit Betroffenen, Angehörigen und Pflegenden. Ich höre zu.
Mein Großvater, Jahrgang 1908, mütterlicherseits, starb 1980 in der Psychiatrie des Landeskrankenhauses Graz II, Straßgang, das bis 1969 die Bezeichnung »Feldhof, Irrenanstalt« trug. Meine letzte aktive Erinnerung führt mich in den Herbst 1980. Ich besuchte meine in Pirka wohnenden Großeltern für eine Woche, um meine Großmutter zu entlasten. »Ich kann ihn nicht mehr alleine lassen« schrieb sie mir. Ein Moment am Küchenfenster hat sich mir eingeprägt: »Es wäre für mich besser, sterben zu können.« Die Worte des Großvaters in einem klaren Moment. Damals redete er kaum noch, ging das eine oder andere Mal verloren. Nachbarn brachten ihn zurück. Meine Großmutter lebte weiter alleine, bis zum 91. Lebensjahr in der eigenen Wohnung, im letzten Lebensjahr wurde sie von ihrer Schwiegertochter in deren Haus gepflegt und schlief nach einem Mittagessen für immer ein.
Meine Mutter, Jahrgang 1939, hatte schon mit sechzig Jahren Angst, vom Verlust des Gedächtnisses eingeholt zu werden. Solange ihr zweiter Ehemann lebte, sie mit ihm gemeinsam das Haus, den Garten versorgte, Reisen unternahm, an einem regen Vereinsleben teilnahm, ging es ihr gut: »Es war die schönste Zeit meines Lebens.« Im März 2022 trat das ein, wovor sie sich am meisten gefürchtet hatte: Ihr Mann starb nach dem gemeinsamen Mittagessen,auf dem Bürosessel in seinem Arbeitszimmer. Einen Tag danach war ich bei ihr, half ihr bei all den Behördenwegen, die ein Tod mit sich bringt. Sie nahm innerhalb kurzer Zeit stark ab. Wollte kaum noch essen, war verstummt. Sie besuchte täglich morgens mit dem Rad um vier Uhr die Gräber ihrer verstorbenen Ehemänner, die auf verschiedenen Friedhöfen ihre Ruhestätte fanden. Im Herbst musste sie aus dem Haus ausziehen, dort, wo jedes Stück mit Erinnerungen an die für sie schöne Zeit verbunden war. Ich suchte eine seniorengerechte Mietwohnung für sie, richtete diese ein. Im November 2022 zog meine Mutter, 83-jährig, das erste Mal alleine in eine eigene Wohnung.
Von da an besuchte ich sie regelmäßig, einmal im Monat, schaute nach den Finanzen, der Technik und all jenen Arbeiten, die für sie immer ihre Ehemänner übernommen hatten. Sie ging noch einmal im Monat kegeln, nahm an den Veranstaltungen des Seniorenvereins teil, ging jeden Sonntag in die Kirche. Machte lange Spaziergänge, vor allem zu den Friedhöfen. Sie klagte mehr und mehr über das Vergessen. Es wurde für mich schwieriger, mit ihr ein Gespräch zu führen. Im Februar 2025 war ich gerade in Wien, telefonierte morgens wie immer mit ihr und erlebte am Telefon mit, wie sie beim Zeitungsholen vor dem Haus zusammengebrochen war. Mit Hilfe einer Nachbarin wurde die Rettung alarmiert. Ich setzte mich von Wien aus in den nächsten Zug nach Knittelfeld und besuchte sie im Krankenhaus. Sie lag noch in der Ambulanz und wiederholte »ich will nach Hause«. Nierenversagen, Blaseninfektion. Der Stent wurde neu reguliert, sie unterlief zahlreiche Untersuchungen. Ich besuchte sie täglich, »Ich will nach Hause«. Eine Assistentin im Krankenhaus frug nach ihrer Pflegestufe. Meine Mutter hatte bis dato keine. Diese wurde vom Krankenhaus beantragt. Ich blieb vierzig Tage bei ihr in der Wohnung, schlief auf einem Klappbett in der Küche. Lernte mit ihr mit Hilfe des Rollators zu gehen. Jetzt steht er unbenutzt in ihrem Schlafzimmer, »das ist etwas für Alte«. Ich führte Gespräche mit der Volkshilfe bezüglich der Betreuung meiner Mutter. Das wurde von ihr zuerst heftigst abgewehrt. Ich fühlte mich, wie damals, als ich den Umzug zu bewältigen hatte, einsam. Es war der Moment, als ich merkte, ich schaffe es nicht mehr alleine.
Heute führe ich täglich Telefonate mit meiner Mutter, morgens und abends. Bei Bedarf öfter. Ich bin mit der Volkshilfe in Kontakt und der Vertrauten, die einen Zweitschlüssel für Mutters Wohnung hat. Nach wie vor fahre ich monatlich per Bahn nach Zeltweg, nächtige in einer Pension. Beim Niederschreiben und beim Zuhören der Gespräche über Demenz merke ich, wie müde, erschöpft sich der Körper, das Denken anfühlt. Die letzten vier Jahre hat die Versorgung der Mutter die Hauptrolle gespielt, jetzt übe ich mich darin, mich von dieser Hauptrolle zu lösen.
Beginne mich mit meinen Bedürfnissen auseinanderzusetzen. Nachts, im Schlaf freien Raum, melden sich Quälgeister, die mir die eigene Vergesslichkeit vor Augen führen. Ich will die Angst nicht unterdrücken, mich ihr stellen und ihr das entgegenhalten, was sich in meinem Leben gut und schön anfühlt.
Milena Findeis, 1957
Edith Findeis, geb. Klinger, 1939, Margarete Klinger,1908-2002