Norbert Gstrein: Im ersten Licht

Nachkriegsroman, erschienen 2026

LOG-EINTRAG

Berliner Literaturhaus, Milena Findeis, Leipziger Buchpreis

3/18/20264 min read

Norbert Gstrein (3. Juni 1961, Mils bei Imst, Österreich ) war in seiner Jugend tatsächlich talentierter und ambitionierter Skirennläufer. Er hat das renommierte Skigymnasium Stams besucht – die Kaderschmiede für den österreichischen Skinachwuchs. Dort war er unter anderem Schulkollege von späteren Stars wie Toni Innauer. Von 1979 bis 1984 studierte er Mathematik an der Universität Innsbruck. Sein Studium schloss er mit einer Arbeit ab, die den Titel trug: „Ausgleichung von Rückwärts- und Vorwärtseinschnitten für die Rechenanlage CYBER 74 (CDC)“. Dabei handelte es sich um ein BASIC-Programm zur Gletschervermessung – Bezug zu seiner alpinen Heimat.
Nach seinem Diplom ging er für ein Studienjahr (1986, 1987) in die USA an die renommierte Stanford University im kalifornischen Palo Alto. Diese Zeit verarbeitet er oft in seinen Werken, in denen die USA als Schauplatz oder Fluchtort für seine Figuren dienen (wie etwa in Im ersten Licht). 1988 verbrachte er ein Semester an der Universität Erlangen, danach seine Dissertation „Zur Logik der Fragen“ .
Ab Ender der 1990er lebt und arbeitet er vorwiegend in Hamburg.
"Einer" (1988): In dieser Erzählung thematisiert er das Leben im Dorf, die Enge der Berge und auch die harten Aspekte der Skisport-Welt. Er erhielt u.a. den Alfred-Döblin-Preis, den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, den Uwe-Johnson-Preis, den Österreichischen Buchpreis 2019, den Düsseldorfer Literaturpreis und den Thomas-Mann-Preis. Bei Hanser erschienen »Die Winter im Süden« (Roman, 2008), »Die englischen Jahre« (Roman, Neuausgabe 2008), »Das Handwerk des Tötens« (Roman, Neuausgabe 2010), »Die ganze Wahrheit« (Roman, 2010), »In der Luft« (Erzählungen, Neuausgabe 2011), »Eine Ahnung vom Anfang« (Roman, 2013), »In der freien Welt« (Roman, 2016), »Die kommenden Jahre« (Roman, 2018), »Als ich jung war« (Roman, 2019), »Der zweite Jakob« (Roman, 2021), mit dem er für den Deutschen Buchpreis nominiert war, sowie zuletzt »Vier Tage, drei Nächte« (Roman, 2022) und »Mehr als nur ein Fremder« (2023).

Norbert Gstrein
»Im ersten Licht«, Hanser 2026

Zwei Weltkriege, ein Jahrhundert: ein eigenwilliges Leben voller Schönheit, Tragik und Widersprüche. Norbert Gstreins neuer Roman – nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026

Norbert Gstrein schenkt uns ein ganzes Menschenleben. Dabei ist jedes Leben zerbrechlich in diesem Roman, der mit einem Axthieb beginnt: Adrians Vater macht ihn als Jugendlichen untauglich für den Ersten Weltkrieg, rettet ihn so vielleicht. Der störrische, zärtliche Mensch, der von da an durch über achtzig Lebensjahre hinkt, ist das Wunder dieses Erzählens. Adrian sieht zweimal seine Welt untergehen, hat zweimal mit jungen Männern zu tun, die weniger Glück hatten als er, und erlebt im Alter die unverhoffte Liebesgeschichte eines Mannes, der zu allem erzogen wurde, bloß nicht zum Lieben. Wie leben im Schatten der Kriege und des Tötens?

Mit einem furchtlosen Blick in die Vergangenheit stellt sich »Im ersten Licht« dieser großen Frage der Gegenwart.

Auszug aus: Norbert Gstrein: »Im ersten Licht«

Roman Adrian nahm an dem Abend dann früh Platz in der Buchhandlung, in einer der hinteren Reihen, und sah zu, wie sich die Reihen vor ihm allmählich füllten und wie schließlich der Autor mit der Moderatorin die Bühne betrat, einer jungen Frau, die den jungen Mann die ganze Zeit betrachtete, als zweifelte sie, ob sie es nicht vielleicht doch mit einem Hochstapler zu tun hatte, so wie er in sich gekehrt dasaß, kaum dass sie sich hingesetzt hatten. Noch unsicherer als auf dem Plakat in der Auslage, die Haare länger und auf der falschen Seite gescheitelt, ungelenk in seinen Bewegungen, und nicht dass er den Blick hob, als er schließlich sein Buch aufschlug und anfing zu lesen. Eine Geschichte wie viele in diesen Jahren. Die Leute plagten sich mit ihrem Aufwachsen in der Provinz ab und wussten nicht, was es einmal bedeutet hatte, Österreicher zu sein, alles andere als das nämlich, wieviel daran gehangen war, wieviel Schönheit und wieviel Welt. Man hatte an einem Tag in Galizien sein können, ganz an der russischen Grenze, und am nächsten Tag in den Dolomiten, ohne das Land verlassen zu müssen, an einem Tag in Prag und am nächsten in Dalmatien und hatte drei oder vier Sprachräume durchquert, um von den niederländischen oder spanischen Besitzungen gar nicht zu reden, hatte die Sprachen im besten Fall auch gesprochen, und diese heutigen Kleingeister beackerten die paar Quadratmeter ihrer Herkunft in den Bergen oder irgendwo auf dem flachen Land und gelangten zu dem immer gleichen Befund, dass es dort bedrückend war, ohne jemals auf die Idee zu kommen, dass sie selbst am bedrückendsten sein könnten mit ihrer Engstirnigkeit. So richtig hatte Adrian der Phantomschmerz erst im Alter gepackt, was alles verlorengegangen war, und manchmal reichte der Satz »Wir hätten das Meer nicht verlieren dürfen«, dass er Tränen in den Augen hatte und wie im Refrain wiederholte: »Das Meer hätte uns zu sanfteren Menschen gemacht.«

Stattdessen Bauern und Nachkommen von Bauern, die einen dazu bringen konnten, dass man plötzlich Sehnsucht nach den größten Wiener Gecken hatte, mit all den Ansprüchen und Privilegien ihres ewigen Wienerseins, deren Dummheit die Dummheit der Herrschaft gewesen war, ob beritten oder nicht, aber wenigstens eine Leichtigkeit gehabt hatte und nicht diese erdene Schwere, und ja, es gab Tage, an denen er sich selbst nicht mehr kannte, es gab Tage, an denen ihn das alles überforderte und er am liebsten in ein Tierheim gegangen wäre und sich einen Hund geholt hätte, allein um ihm den Namen Franz Joseph zu geben nach dem Kaiser.

Adrian hörte nur halb zu, weil er alles längst kannte, und wollte schon aufstehen und gehen, als die Lesung zu Ende war und eine Diskussion begann, blieb jedoch, als der Autor gefragt wurde, ob er sich als politischen Autor empfinde und das Gespräch ohne Umwege bei dem Thema landete, ohne das ein Gespräch in diesen Tagen gar nicht möglich war.

»Und was sagen Sie zu der Lage?« 1988 das Jahr, wie gesagt, und eine Frau im Publikum hatte sich erhoben und die Frage gestellt, der zu der Zeit im ganzen Land kein Mensch entkam. »Was sagen Sie zu unserem Herrn Bundespräsidenten?«

Über das Leben, das Sterben und das Davongekommensein spricht Norbert Gstrein mit Christina von Braun.
Literaturhaus Berlin, 18.3.2026